Tatort Darmstadt

In „Todesfahrt” schickt Michael Kibler seine Kommissare durch eine Stadt, die ihm ans Herz gewachsen ist. Nicht weit entfernt von den Gleisen der ehemaligen Straßenbahnlinie zum Ostbahnhof, findet der Autor den Stoff für seine Kriminalfälle. StraBaDA hat sich mit dem Autor der Darmstadt-Krimis getroffen.

„Hi, ich bin’s schon wieder“, begrüßt Michael Kibler die Kellnerin, die ihm seinen Cappuccino bringt. Auf seiner „persönlichen Terrasse“ des Café Canape sitzt der Krimibuchautor besonders gerne: „Hier kann ich denken, beobachten und auch schreiben.“

Michael Kibler schreibt Darmstadt-Krimis

Michael Kibler schreibt Darmstadt-Krimis

Der 48-jährige wurde zwar 1963 in Heilbronn geboren, fühlt sich aber schon lange als Darmstädter. „Ein Freund von mir meinte mal, dass ich meinen Lebenslauf ändern sollte in Michael Kibler wurde 1963 fast in Darmstadt geboren.“ Nach zahlreichen Umzügen landete Kibler mit 13 Jahren in Darmstadt, wo auch seine Großeltern lebten. Schnell schloss er Freundschaften und „schlug Wurzeln“.

Den Reiz der Stadt führt er auf zwei, seiner Meinung nach, widersprüchliche Eigenschaften zurück. Zum einen gefällt ihm die “behäbige Beamtenmäßigkeit”. Es werde viel geredet und diskutiert und am Ende komme eben doch nichts dabei herum. Als Beispiel nennt er die Nordostumgehung, die eigentlich den Innenstadtbereich vom Pkw- und Lkw-Verkehr entlasten sollte. Die Genehmigungen will die grün-schwarze Koalition nun aber wieder aufheben. Zum anderen gefällt ihm die „liebenswerte Anarchie“. „Darmstadt ist wohl die einzige Stadt Deutschlands, die zweimal im Jahr ihre Hauptverkehrsader dicht macht, um zu feiern“, so der Autor.

Darmstadt hat Charme

Kibler genießt das Heinerfest, wie auch das Schlossgrabenfest. Auf dem Musikfestival habe er schon einige Nachwuchsbands gehört, die später berühmt geworden seien. “Das ist für mich wie fünf Tage Urlaub”, sagt der Autor. Die Feste inspirieren ihn und finden ihren Weg in seine Romane. Das Heinerfest bildet den Rahmen für Kiblers “Madonnenkinder”, in “Rosengrab” gibt es einen Showdown auf dem Schlossgrabenfest.

Es seien aber vor allem die vielen Kleinigkeiten, die Darmstadts Charme ausmachen würden. So wie der Biergarten in der Dieburger Straße, in dem man auch Fußballspiele sehen könne oder der Woog inmitten der Großstadt. „Ich fahre fünf Minuten mit dem Fahrrad hin, schwimme meinen Kilometer und fahre wieder heim, das ganze dauert eine Stunde und nicht einen halben Tag“, sagt Kibler. Natürlich seien das Dinge, die nicht auf den ersten Blick auffielen, deshalb brauche man einen Darmstädter, der einen an die Hand nehme.

In "Schattenwasser" wurde im Jugendstilbad eine Frau ertränkt

Im Jugendstilbad wurde eine Frau ertränkt

Leute an die Hand nehmen und durch die Stadt leiten macht Kibler mittlerweile auch. Er bietet Touren an, bei denen er die Teilnehmer zu verschiedenen Handlungsorten seiner Krimis führt. Wem das zu Fuß zu langweilig ist, der kann auch auf zwei Rädern am Jugendstilbad und der Rosenhöhe vorbeiflitzen. Seit geraumer Zeit bietet Michael Kibler Touren mit elektrischen Transportmitteln an – dem Segway. Er besteht aus einer Plattform für die Füße, die von zwei Rädern getragen wird, an einer Lenkstange kann man sich festhalten. Gesteuert wird er durch das nach vorne und hinten lehnen des Fahrers. „Ich kenne den Inhaber eines Segway-Unternehmens, so hat sich die Geschäftsidee entwickelt. Damit kann man einen weitaus größeren Radius in der Stadt abdecken.”

Die Handlungsorte seiner Krimis liegen zu einem großen Teil um seinen Lebensmittelpunkt verstreut. Von seinem Lieblingscafé in der Pützerstraße sind es nur wenige Minuten bis zur Mathildenhöhe, der Rosenhöhe oder dem Jugendstilbad. An allen drei Orten ließ der Krimiautor bereits fiktive Mordfälle geschehen. Meistens handelt es sich hierbei nicht nur um Tatorte, sondern auch um Plätze, die Kibler in Darmstadt besonders gefallen.

Eine Szene konnte Kibler sich nicht verkneifen

Auch die große Buchhandlung neben dem Luisencenter hat ihren Weg in seine Bücher gefunden. In “Schattenwasser”, Kiblers vierten Darmstadtkrimi,  lässt er seinen Kommisar in deren Schaufenster einige Darmstadt-Krimis entdecken. “Die Szene konnte ich mir nicht verkneifen”, kommentiert Michael Kibler und grinst. “Vielleicht denkt Christian Gude dann, dass seine Bücher gemeint sind.” Gude ist Kiblers Autorenkollege. Er schreibt ebenfalls regionale Krimis über die südhessische Großstadt.

Die Rosenhöhe birgt ein Geheimnis

Die Rosenhöhe birgt ein Geheimnis

Kibler versucht jeden Krimi so zu schreiben, dass er auch in Hamburg oder Bremen gelesen werden kann. “Für die Darmstädter gibt es aber immer ein Sahnehäubchen”, erklärt Kibler. Die Darmstädter kennen schließlich die Orte und das Flair der Stadt.

Zu Beginn eines neuen Buches fährt der Wahldarmstädter jedoch für eine Woche zu seinem Vater “ins Schwäbische”. Dort werde er dann “bekocht und betüttelt” und könne sich ganz auf seine Arbeit konzentrieren. “Für die Entwicklung der Geschichte brauche ich acht Monate”, sagt Kibler. In dieser Zeit verfasse er eine Art Drehbuch. Darin sei genau festgehalten, wann seine Kommissarin Margot Hesgart und deren Kollege Steffen Horndeich welche Information bekommen.

Kibler schreibt in Kneipen und Cafés

“Ich kann es mir nicht leisten Anschlussfehler zu machen”, betont Kibler, der seine Krimis “nicht als leichte Kost” sieht. Denn bei ihm gibt es am Ende des Buches kein Auszählen, nach dem Motto “Ene mene muh, und der Täter bist du.”

Einen Liebesroman könne man anfangen zu schreiben und die Leute später für eine zusätzliche Szene einfach nochmal spazieren gehen lassen, aber einen Krimi müsse man durchplanen. Kibler mag das “aufwendig Inszenierte, das der Leser aber versteht”. Der Autor hatte, wie er selbst sagt, eine gute Schule gehabt: “Seit ich neun Jahre alt war, durfte ich Tatort schauen.”

In die Russische Kapelle wird eingebrochen

Mord auf der Mathildenhöhe

Wenn Kibler die Leser an die Hand nimmt und sie durch die Fallstricke der Krimis führt, ist er in seiner zweiten Schreibphase angekommen. “Mit dem Macbook” sitzt er dann in Cafés und Kneipen, beobachtet das Geschehen um ihn herum und schreibt sein Buch. Wenn er merkt, dass ihm die Seiten nicht ausreichen, die er mit dem Verlag vereinbart hat, rufe er auch mal im Verlag an und sage, dass er noch 150 Seiten brauche.

Leben kann er allein von den Krimis jedoch nicht. Der Autor bietet außerdem Schreibworkshops an und arbeitet als Texter und Dozent für Öffentlichkeitsarbeit.

Im Herbst 2005 feierte Kibler mit “Madonnenkinder” seine Krimipremiere. Erst ein gutes halbes Jahr später sah er das erste Mal Geld dafür: “Das war ein nettes Zubrot zum Urlaub.” Würden seine Bücher alleine in Hessen oder gar in ganz Deutschland so fleißig gelesen wie in Darmstadt, könne er davon aber gut leben. In den Darmstädter Buchhandlungen werden Kiblers Bücher oft nachgefragt. “Die verkaufen sich gut“, sagt Heidi Ruthe, die stellvertretende Filialleiterin der Hugendubelfiliale Darmstadt.

„Todesfahrt“ ohne eine hessische Silbe

Buchcover von Michael Kiblers 5. Roman

Erscheint im November 2011

Fünfundzwanzig Minuten sitzt Kibler nun schon auf der Terrasse des Cafés in der Pützerstraße. Dann fragt er nach der Uhrzeit und entschuldigt sich. Er müsse gehen, denn er habe noch einen wichtigen Termin.

Der Krimiautor verspricht aber, dass seine Fans nicht mehr lange auf den fünften Kibler warten müssen. “Todesfahrt” erscheint im November 2011: Ein amerikanischer Privatdetektiv wird in einem Wald bei Darmstadt tot aufgefunden. Bei den Ermittlungen stoßen die Darmstädter Kommissare Margot Hesgart und Steffen Horndeich auf ein düsteres Geheimnis.

In “Todesfahrt” komme jedoch “keine hessische Silbe vor”, verrät Michael Kibler. Bei einem Dialekt gäbe es viele verschiedene Ansichten über die Schreibweise. “Da fühle ich mich nicht wohl. Ich kann eher Englisch als Hessisch.”

Text: Martin Krauß und Larissa Wagner | Fotos: Martin Krauß | Cover: Piper Verlag München