Streicheltherapie im Tierheim

Kein Job für Katzenallergiker: Im Tierheim Darmstadt schmusen ehrenamtliche Mitarbeiterinnen mit verlassenen Katzen, damit sie das Vertrauen in Menschen zurück gewinnen. Gerade bei Tieren wie dem vierjährigen Kater Chico ist das wichtig, weil sie sonst nur schwer vermittelt werden können. Fürs Katzen streicheln haben die festangestellten Pfleger keine Zeit – umso wichtiger ist freiwilliges Engagement.

Bei Frau Neumann werden alle schwach. Sieht sie einen mit ihren großen Augen unschuldig an, würde jeder sie am liebsten gleich in den Arm nehmen. Die kleine Katze mit dem außergewöhnlichen Namen ist erst acht Wochen alt und ein echter Wonneproppen.

Die kleine Katze Frau Neumann

Die ehrenamtliche Helferin Uschi Arnold betritt das Katzenhaus des Tierheims Darmstadt, in ihrer Hand hält sie das Katzenjunge. Schnell zieht Frau Neumann die Aufmerksamkeit einer Familie mit Kind und zwei älterer Leute auf sich, die ganz verzaubert sind: „Oh, ist die niedlich! Wie süß!“ Nach anfänglichem Misstrauen streichelt das Mädchen vorsichtig über das Fell der kleinen Katze und als diese dann die Hand des Mädchens ableckt, sind alle Ängste vergessen.

Nun streckt und reckt sich das Kätzchen. Uschi Arnold beobachtet alles lächelnd und meint: „Ja, unsere Frau Neumann ist schon ein richtiges kleines Energiebündel.“ Die Mutter des Mädchens, die sich ebenfalls auf den ersten Blick in das winzige Fellknäuel verliebt hat, erkundigt sich schließlich, ob die junge Katze denn schon vermittelt werden könne. „Ja, sie muss jetzt nur noch mal zu unserem Tierarzt zur allgemeinen Untersuchung“, erklärt Uschi Arnold. Das kleine Mädchen strahlt seine Mutter an.

Auch Katzen schmollen

Unterdessen sieht sich ein junges Paar nach einem Spielkameraden für seinen Kater um, damit er nicht so alleine ist. „Es soll aber möglichst kein Freigänger sein, da wir im zweiten Stock und außerdem direkt an einer Hauptstraße wohnen“, erklärt der Mann der Tierpflegerin Anja Pöllner. Daraufhin zeigt die Mitarbeiterin des Tierheims dem Paar geeignete Kandidaten. Während die beiden neugierig von Zimmer zu Zimmer gehen und sich die Katzen durch die Glastüren ansehen, spielt Gesche Kaptanoglu mit den Katzen im Freigehege.

Katze im Freigehege

Sie ist seit etwa vier Wochen ehrenamtlich im Tierheim als Katzenstreichlerin tätig. „Jetzt, wo ich in Rente bin, dachte ich, ich kümmere mich etwas um die Katzen im Tierheim. Ich habe selbst eine Katze und bevor mir zu Hause die Decke auf den Kopf fällt, tue ich lieber etwas Sinnvolles.“ Sie kommt jede Woche mindestens einmal ins Tierheim und beschäftigt sich dort mehrere Stunden mit den Katzen. Sie streichelt sie, redet mit ihnen und bürstet sie auch gelegentlich.

„Katzen sind uns Menschen sehr ähnlich. Sie brauchen genauso viel Liebe und Zuwendung wie wir“, erklärt Gesche Kaptanoglu. Außerdem habe jede Katze ihre eigene Persönlichkeit. Einige seien zurückhaltend, andere eher extrovertiert und manche etwas wilder als andere. Die Rentnerin wendet sich einer älteren Katze zu, die auf einem Holzbrett liegt. Ihr Fell ist schwarz-weiß und ihr rechtes Ohr ist nach hinten abgeknickt. „Das ist Sophie. Sie braucht viel Aufmerksamkeit und wird schnell eifersüchtig, wenn man sich mit anderen Katzen beschäftigt.“ Gesche Kaptanoglu streichelt ihr über den Kopf und Sophie schnurrt zufrieden.

Doch als plötzlich Tassilo, ein Kater mit glänzendem schwarzen Fell und strahlend grünen Augen, auf das Holzbrett hüpft, fährt Sophie ihre Krallen aus. „Ganz ruhig, Sophie. Kein Grund zur Aufregung. Du bist doch immer noch die Schönste von allen“, besänftigt Gesche Kaptanoglu die Katze, die sich beleidigt in eine Ecke zurückzieht. „Sophie ist eben sehr geltungsbedürftig, deshalb überrascht mich ihre Reaktion auch nicht. Das ist aber noch relativ harmlos”, winkt Gesche Kaptanoglu ab. Amüsiert berichtet sie, wie Sophie vor zwei Tagen aus lauter Eifersucht im Unwetter draußen auf ihrem Baum sitzen geblieben ist, während sich die anderen Katzen ins Trockene geflüchtet hatten. „Sophie ist sehr stolz und kann ein richtiger Sturkopf sein!“ Jetzt setzt ein leichter Regenschauer ein. Gesche Kaptanoglu will die Katze dazu überreden, mit ihr ins Katzenhaus zu kommen, doch Sophie schmollt.

Freiwillige Helfer sind immer willkommen

Im Katzenhaus sieht Carmen Schell nach dem Rechten. Die Qualitätsmanagerin arbeitet seit einem Jahr in ihrer Freizeit als ehrenamtliche Helferin im Tierheim. „Ich versuche, drei Tage die Woche hierher zu kommen. So bin ich jede Woche viele Stunden für das Tierheim tätig.“ Anfangs hat sie sich nur um die Katzen gekümmert, mittlerweile unterstützt sie das Tierheim auch in anderen Bereichen. So dreht sie Katzen- und Hundevideos für die Vermittlung der Tiere, ist erste Ansprechpartnerin für neue Ehrenamtliche, schreibt ein eigenes Blog und ist für die Facebook-Seite des Tierheims zuständig. “Ich möchte etwas von meinem Glück zurückgeben. Außerdem wachsen einem die Katzen schnell ans Herz und man möchte natürlich einen guten Platz für sie finden“, begründet sie ihr Engagement.

Sie erzählt, dass die Ehrenamtlichen die festangestellten Mitarbeiter im Tierheim sehr unterstützen. So wird der Außenbereich komplett von freiwilligen Helfern saniert. Auch die ehrenamtlichen Katzenstreichler entlasten die Tierpfleger. Durch ihre Zuwendung gewinnen die Katzen, die zum Großteil traumatisiert sind, langsam wieder an Zutrauen und werden so auf eine Vermittlung vorbereitet. „Allerdings werden immer neue Helfer gesucht.“

Tierheim Darmstadt und Umgebung

Derzeit arbeiten in dem Tierheim acht Festangestellte, vier Lehrlinge und mehr als 50 Ehrenamtliche, berichtet Mitarbeiterin Claudia Gries. Das Heim, das vom “Tierschutzverein Darmstadt und Umgebung” betrieben wird, finanziert sich hauptsächlich über Spenden, Mitgliedsbeiträge und Zuschüsse von Städten und Gemeinden. „Wir veranstalten außerdem jeden ersten Sonntag im Monat einen Tag der offenen Tür mit Kaffee und Kuchen und einem Flohmarkt. Dessen Erlöse kommen ebenfalls dem Tierschutzverein zugute. Allerdings haben die Leute allgemein nicht mehr so viel Geld und die Spenden haben abgenommen“, ergänzt Carmen Schell.

Einige Katzen bleiben bis zu ihrem Lebensende im Tierheim

Die Qualitätsmanagerin verlässt das Katzenhaus und betritt ein Gebäude mit mehreren kleinen Räumen, in denen sich einige Tiere ihre Nase an den Glastüren platt drücken. „Das sind unsere Einzelzimmer für die etwas spezielleren Fälle. Hier haben wir zum Beispiel Chico“, sagt die ehrenamtliche Mitarbeiterin und zeigt auf einen getigert-weißen Kater, der Carmen Schell mit großen Augen ansieht. Der Kater sei eigentlich ganz verschmust, aber er fahre die Krallen aus, wenn er eine Hand auf sich zukommen sehe. „Er muss früher schlimme Erfahrungen gemacht haben. Die ersten zehn Minuten sind deshalb immer sehr kritisch, aber dann beruhigt er sich und kuschelt sich an einen.“ Carmen Schell findet es schade, dass Katzen wie Chico, die zwar etwas eigenwillig aber an sich ganz lieb seien, nur schwer vermittelt werden, da die meisten Menschen keine Geduld für eine „Problemkatze“ haben.

Kater Theo

Die Freiwillige kennt viele solcher Katzenschicksale. Ein ähnlicher Fall ist Theo. Der einjährige Kater hatte schon zwei Knieoperationen, da seine Kniescheiben manchmal rausspringen. Als wäre das nicht schon genug, kratzt er sich eine alte Wunde immer blutig, so dass sie immer wieder verbunden werden muss. „Ich war mir anfangs auch nicht sicher, ob ich den emotionalen Anforderungen gewachsen bin. Dir wachsen die Tiere schnell ans Herz. Leider siehst du manche auch sterben, da nur wenige Leute eine alte Katze haben wollen. Aber die Tiere geben einfach viel zurück“, sagt Carmen Schell.

Frau Neumann, das Kätzchen, hat Glück: Sie wird das Tierheim bald verlassen. Uschi Arnold geht mit dem Katzenbaby zur Tierarztpraxis des Heims. „Frau Neumann ist so gut wie vermittelt. Die Familie will sie mitnehmen!“ Carmen Schell lächelt: „Das ist der Grund, warum ich das hier mache! Solche Erfolge lassen einen die ganzen Rückschläge vergessen!“


Text: Anja Beseler
| Fotos: Anja Beseler und Tierheim Darmstadt