Schulabschluss im Zirkus

Der Circus Waldoni ist anders: Es gibt keine Tierkäfige, und das Zelt geht nicht auf Reisen, sondern steht immer im Creativhof in Eberstadt. Hier sind alle Artisten Jugendliche, viele von ihnen kommen aus sozialen Brennpunkten. Der Zirkus versucht den jungen Menschen eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Jedes Jahr machen dort einige Förderschüler ihren Hauptschulabschluss.

Die jungen Artisten des Circus Waldoni kämpfen im Regenwald mit Bällen auf Einrädern gegen wilde Tiere und Tropenkrankheiten – in der Varieté-Vorstellung „Djángalla“. Doch wer steckt eigentlich hinter diesem speziellen Jugendzirkus?

David Lanza ist einer der jungen Artisten, die schon lange zur Zirkusfamilie gehören. Er trainiert außerdem den Nachwuchs. „Wir haben zwei verschiedene Zielgruppen“, sagt der Student, „zum einen die normalen Zirkusinteressierten und auf der anderen Seite die Kinder aus Eberstadt-Süd.“ Normalerweise bezahlen die Eltern einen monatlichen Mitgliedsbeitrag. Die Kinder aus den sozialen Brennpunkten der umliegenden Viertel aber lernen beim Nachmittagstraining in ihren Schulen kostenlos wie man jongliert oder über ein Seil läuft. Wer fleißig sei und regelmäßig erscheine, dürfe für einen Nachmittag zusätzlich direkt im Zirkus üben, sagt David Lanza. Die Jugendtrainer wie er seien im Durchschnitt 20 Jahre alt und schon seit ihrer eigenen Kindheit mit dabei. Das Trainerhonorar entspreche dabei nicht ganz dem Aufwand der Trainer: „Ich sehe mein Wirken hier als Hobby“.

Für viele Kinder ist der Zirkus ein Sprungbrett fürs Leben

Für Kinder ist der Zirkus ein Sprungbrett fürs Leben

Als gemeinnütziger Verein für Zirkuspädagogik und Träger der freien Jugendhilfe hat sich der Zirkus die Integration sozialer Randgruppen auf die Fahnen geschrieben. Die Artistik ist kein Selbstzweck. Durch Jonglieren zum Beispiel sollen die Kinder lernen, mit Niederlagen besser zurecht zu kommen. So soll das Training die kleinen Artisten vor allem selbstbewusst und stolz machen. Etwas, das sie vorher vielleicht noch nicht kannten. „Bei einer Pyramide müssen die Unteren lernen, Verantwortung zu übernehmen und die Oberen lernen, Vertrauen zu schöpfen”,  erklärt David Lanza. Nicht jede Übungsstunde laufe reibungslos ab. „Die Probleme mit den Kindern aus den schwierigen Vierteln sind nicht zwangsläufig schlimmer – sie sind anders“, sagt der Jugendtrainer. Diese Kinder könnten sich oft nicht konzentrieren oder hätten Hemmungen andere anzufassen. Deshalb sei es ihm vor allem wichtig, dass sie sich in seinen Stunden austoben könnten. Die Kinder der regulären Zirkusgruppen dagegen könnten eigene Fehler nicht immer gut wegstecken: „Wenn es nicht klappt, ist schnell der Trainer schuld.“

Das Zirkustraining soll die Kinder stolz machen

Eine weitere Gruppe bilden die Kinder der „Mobilen Praxis“. Diese Organisation für Familienhilfe hat ihren Hauptsitz auf dem Vereinsgelände des Circus Waldoni. „Wir betreuen Kinder, die sich nicht richtig entwickeln und vom Elternhaus mit Konflikten behaftet sind“, sagt Hans Eisenbarth, einer der Mitarbeiter. Die Kinder seien entweder sehr zurückgezogen oder extrem aufbrausend. Manche hätten auch psychische Störungen oder seien schon einmal kriminell geworden. Wer in der Gruppe Fortschritte gemacht hat, darf im Zirkus mittrainieren. Hans Eisenbarth sieht darin vor allem die „Selbstwertförderung“: Die Kinder sollen erleben, etwas geschafft zu haben. Die Mobile Praxis arbeite eng mit den Zirkustrainern zusammen: „Wir bereiten auf jedes einzelne Kind vor.“ Denn jedes brauche einen „speziellen Blick“.

Aus Schrott wird Kunst

Aus Schrott wird Kunst

Ein weiteres Angebot der Mobilen Praxis zur Selbstwertförderung bildet die Kunstwerkstatt „Grenzenlos“, die auch zum Zirkus gehört. Hier stellen Thorsten Fischer und Manuel Knell mit Jugendlichen Kunstwerke aus Stein und Schrott her. „Das sind schon spezielle Jugendliche. Die brauchen fast Einzelbetreuung“, sagt Thorsten Fischer. Mehr als vier Jugendliche auf einmal könne er nicht betreuen. Es komme schon einmal vor, dass sie ihm persönliche Dinge anvertrauten, zum Beispiel Streit in der Familie. Von sich aus gehe er aber nicht auf die privaten Probleme der Jugendlichen ein, sagt der gelernte Steinmetz und Bildhauer: „Die müssen schon oft genug darüber reden.“ Ihm sei vor allem das gemeinsame Schaffen wichtig, nicht die Vorgeschichten der Jugendlichen.

Wie beim Zirkustraining, gibt es auch in der Kunstwerkstatt einmal die Woche eine kostenlose Stunde für die Jugendlichen aus Eberstadt-Süd. „Die offene Stunde funktioniert nicht“, sagt Fischer, „die kommen nicht von alleine.“ Zu den letzten Treffen sei niemand mehr erschienen. Daher wolle er in Zukunft noch mehr mit den Jugendhäusern zusammenarbeiten. Schaut man auf die Internetseite des Circus Waldoni, findet man als erstes die zweitägigen Workshops in Schrottkunst und Bildhauen für circa 160 Euro. Thorsten Fischer erklärt: „Irgendwie müssen wir das Geld her bekommen, um die anderen Stunden kostenfrei anbieten zu können.“ Diese Workshops würden sich nur an berufstätige Erwachsene richten, die sich für Kunst interessieren.

Die Spinne - auch ein Projekt der Förderschüler

Die Spinne - auch ein Projekt der Förderschüler

Das vermutlich wichtigste soziale Projekt der Kunstwerkstatt ist die Arbeit mit den Schülern der Eberstädter Mühltalschule, einer Förderschule. „Nur durch die Kooperation mit der Gutenbergschule und dem Circus Waldoni können unsere Schüler einen Hauptschulabschluss machen, anstatt des Förderschulabschlusses“, sagt Schulleiterin Vanessa Dyroff. Jeden Freitag verbringen die Schüler der Abschlussklasse in der Kunstwerkstatt. Nach einem Jahr müssen sie ein künstlerisches Projekt erstellt haben, das laut Fischer zu 30 Prozent in die Endnote eingeht: „Ich habe schon Einfluss darauf, was die hinkriegen für ihren Abschluss.” Dieses Jahr haben alle vier Prüflinge bestanden.

Mit Schrott zum Schulabschluss

Der 17-Jährige Hasan zeigt sein Abschlusszeugnis mit der Note 2,2. Jetzt will er den Realschulabschluss machen. „Ohne Thorsten und Manuel hätte ich das nicht geschafft“, sagt er. Beim Berichtsheft über das Praktikum habe ihm Manuel Knell sehr geholfen. Am Ende hätten die beiden Männer mit ihm eine Generalprobe für die Abschlusspräsentation gemacht. Heute Morgen sitzt Hasan gemeinsam mit den anderen auf der Veranda des Zirkuscafés, das eigentlich ein Zirkuswagen ist. Für ihn ist es das letzte Mal. Bei einem gemeinsamen Frühstück verabschiedet er sich von seinen Ausbildern, die er mittlerweile als Freunde ansehe. Auch die Schulleiterin und der Klassenlehrer sind da und überreichen ihm das Abschlusszeugnis. Auf einmal sind laute Schreie zu hören. Ein anderer Werkstatt-Praktikant hat einen Streit mit den Erwachsenen angefangen – natürlich gibt es nicht immer nur Erfolgsgeschichten wie die von Hasan.

Für seinen Schulabschluss stellt Ozan einen Ritter aus Schrott her

Für seinen Schulabschluss stellt Ozan einen Ritter aus Schrott her

Ein weiterer Praktikant, der 15-Jährige Ozan, arbeitet jetzt schon an seinem Abschlussprojekt: „Mein Kumpel baut aus Schrott einen Drachen. Ich mache einen Ritter dazu, der dann auf dem Drachen reiten soll.“ In der Werkstatt habe er sein Benehmen verbessert und Respekt vor dem Werkzeug bekommen: „Man darf mit den Geräten keinen Blödsinn anstellen – das könnte ziemlich schlecht ausgehen.“ Ozan ist sich sicher, dass auch er im nächsten Jahr seinen Hauptschulabschluss in der Schrottwerkstatt des Circus Waldoni erreicht.

Text: Janine Graf | Fotos: Janine Graf und Mobile Praxis