Neue Heimat für Puppe und Piratenschiff

Als die Glocken der Stadtkirche um zehn Uhr schlagen, ist der Kinderflohmarkt auf dem Darmstädter Marktplatz schon in vollem Gange. Nicht nur Kinder suchen dort nach Schätzen. Für Piratenschiffe, Teddybären und Bilderbücher handeln die Kleinen die Preise aus.

Der Weg zu Shawna (12) und ihrem Bruder Aaron (10) führt vorbei an Teddybären, Kinderbüchern, Brettspielen und Hörspielkassetten. Auf Decken, Plastiksäcken und Isomatten sind zahlreiche Kindersachen ausgebreitet. Die Geschwister sind bereits zum dritten Mal auf dem Darmstädter Kinderflohmarkt dabei und nutzen die Gelegenheit, um ihr Taschengeld aufzubessern.

Verhandeln will geübt sein.

Verhandeln will geübt sein.

Während sich eine Kundin für einen Plüschmarienkäfer interessiert und Shawna nach dem Preis fragt, zeigt ihr Bruder auf das Piratenschiff, das neben einem Puzzle und den Kuscheltieren liegt. „Das habe ich, seitdem ich vier Jahre alt war“, sagt Aaron stolz. Er wolle sich nun jedoch schweren Herzens davon trennen. Er bekomme ja dafür Geld, das er ausgeben könne.

Der Kinderflohmarkt hat zur Freude von Waltraud Lange vom Jugendamt der Stadt Darmstadt über zweihundert Menschen angelockt. Die stellvertretende Abteilungsleiterin der Kinder- und Jugendförderung rief den Flohmarkt vor gut elf Jahren ins Leben. Tische und Stühle sind dort tabu. „Wir wollen, dass die Kinder auch mit dem Bus, der Straßenbahn oder dem Bollerwagen kommen können“, erklärt sie.

Für Kinder sei auf dem traditionellen Flohmarkt am Karolinenplatz häufig kein Platz, da die Erwachsenen teilweise schon in der Nacht kämen, um ihre Stände aufzubauen. Das ist hier anders. Jedes Kind bekommt bei der Anmeldung einen Stempel auf den Handrücken und den Tipp: „Geht zu den Frauen in Orange, die zeigen Euch Euren Platz.“

Caroline Geppert ist eine dieser „Helfer in Orange“, wie ihr T-Shirt zeigt. Sie arbeitet seit sieben Jahren für den Kinderflohmarkt und hilft an diesem Vormittag nicht nur dem vierjährigen Jan Linus einen Platz für seine Sachen zu finden. Sie und ihre Kolleginnen behalten den Strom der Kinder, die ihr Spielzeug auf dem Marktplatz verkaufen wollen, im Auge. Wenn sich ein Kind in den Bereich der Zufahrtswege für die Rettungsfahrzeuge setzt, müssen sie ihm einen anderen Platz zuweisen.

Die "Helfer in Orange" unterstützen die Kinder.

Die "Helfer in Orange" unterstützen die Kinder.

„Wir hatten früher fünf Flohmarkttermine im Jahr gehabt“, erklärt Waltraud Lange und ärgert sich über unvernünftige Eltern. Diese hätten damals mit ihren Autos am Marktplatz geparkt und die Schienen der Straßenbahn am Darmstädter Schloss blockiert. „Seitdem arbeiten wir mit dem Ordnungsamt zusammen. Die haben aber nur Kapazitäten für drei Termine im Jahr.“ An diesen Terminen sollen die Kinder den Wert ihrer Sachen schätzen lernen und eigenständig mit den Käufern handeln. Nur bei den jüngeren Kindern seien die Eltern unterstützend dabei.

Welchen Preis Ali (13) für seine Sachen verlangen will, weiß er genau: „Die kleinen Pokale kosten 50 Cent, die größeren 1 Euro und die ganz großen 2 Euro“, erklärt er einem Kunden. Die Pokale habe er zum Teil selbst bekommen, manche habe er aber auch „beim Losen“ gewonnen. Ali spielt noch bis zum Sommer beim SKV Rot-Weiß Darmstadt Fußball, dann wolle er schwimmen gehen. Das interessiere ihn mehr. „Ich brauche die Pokale nicht mehr“, meint Ali und seine Mutter, die an seinem Stand vorbeischaut, ist froh darüber. „Wir sind vor kurzem umgezogen und die Pokale sind Staubfänger.“ Einige Computer- und Konsolenspiele will Ali noch verkaufen, auch ein Eichhörnchen-Stofftier, das laut Mama nicht mehr gebraucht wird.

Viele Kindersachen  haben  am Muttertag auf dem Darmstädter Marktplatz ihren Besitzer gewechselt und manches Kuscheltier hat einen neuen Liebhaber gefunden. Wenn etwas doch nicht verkauft wurde, gibt es am 5. Juni und am 7. August 2011 eine neue Chance dafür. Dann haben die Kinder den Marktplatz in Darmstadt wieder ganz für sich alleine.


Text: Martin Krauß | Fotos: Tobias Krebs