Kunst am Straßenrand

Ein Schimpanse streckt die Zunge raus – der Beobachter erwartet schon fast das typische Kreischen. Aber der Affe bleibt stumm. Er ist nur ein Graffiti auf einer Mauer. Wer mit der Straßenbahn durch Darmstadt fährt, sieht neben Wohnhäusern im Jugendstil, Werbetafeln und grauen Bürogebäuden auch diesen Schimpansen. Er gehört zu einer Serie an gesprühten Bildern, die einen Großteil der Mauer entlang der Nieder-Ramstädter Straße bedecken. Ob großflächige Graffiti wie diese oder kleinformatige Sticker – aufmerksame Menschen können im ganzen Stadtgebiet Streetart, also Kunst im öffentlichen Raum, entdecken.

Der Reiz zu sprühen

Der 24-jährige Thorsten* hat früher selbst Graffiti gesprüht. „Es war einfach der Reiz des Mediums und zugleich das Ziel einer unbewussten Suche nach einem kreativen Ausdrucksmittel“, erklärt er. Diese Faszination rührte vielleicht auch von der Vielfalt, in der sich Graffiti präsentieren. So gibt es, laut Thorsten, verschiedene Stilrichtungen beim Sprühen. „Die unterscheiden sich zum Beispiel im Erscheinungsbild, dem Detailreichtum und der Form der Schrift. Jede einzelne Stilrichtung – wie Throw-Up, Wildstyle, 3D und Bombing – hat Merkmale, die für sie charakteristisch ist.“

Sponge Bob

Lieber anonym als berühmt

Wer hinter den einzelnen Bildern und Schriftzügen steckt, bleibt in den meisten Fällen ein Geheimnis. „Wie in jeder Stadt gibt es auch in Darmstadt Sprayer oder Crews die besonders aktiv sind und so eine große Bandbreite an Werken vorweisen können“, erzählt der Kommunikationsdesign-Student. Da Graffiti in der Regel ohne Einwilligung des Eigentümers an Hauswände oder Gegenstände gesprüht werden, würden Sprayer aber lieber unter Pseudonymen arbeiten. „Diejenigen, die mittlerweile legal und für Agenturen sprühen, können auch außerhalb der Szene bekannt werden“, erklärt Thorsten, “dann aber kaum unter dem Namen, mit dem sie auf der Straße gemalt haben.“

Sticker, Plakate und Schablonen

Neben Graffiti erscheinen im Darmstädter Stadtbild noch weitere Streetart-Techniken, zum Beispiel Sticker. Diese einzeln gefertigten Klebebilder können auf verschiedene Weisen entstehen: „Eine beliebte Variante sind Paket-Aufkleber der Post, da sie gut haften und einfach zu bemalen oder zu besprühen sind.“ Manche Künstler würden die Sticker, genauso wie auch Plakate, mit Kleister anbringen. Der 24-Jährige schätzt, dass Plakate und Schablonen, bei denen das Motiv mit Hilfe einer Vorlage aufgesprüht wird, in der Szene mittlerweile am beliebtesten sind.

Grenzenlos kreativ

„Tatsächlich kann so ziemlich alles Streetart sein, was in den Straßen geschaffen wird.“ Ob dabei mit Sprühfarbe, Pinseln oder anderen Hilfsmitteln gearbeitet wird, spielt nach Thorstens Einschätzung keine Rolle. So könne beispielsweise aus einem Straßenschild mit etwas Holz eine riesige Blume werden. „Was das anbelangt, kennt Streetart eigentlich keine Grenzen. Vielleicht ist es genau das, was dieses Phänomen so interessant macht.“

Wer im Herrngarten spazieren geht, kann jetzt übrigens noch einen weiteren Trend in Sachen Straßenkunst entdecken: ein unbekannter Guerilla-Stricker hat dort einen Laternenmast mit einer bunten Woll-Manschette eingestrickt.

* Name von der Redaktion geändert

Text: Juliane Ehrich | Fotos: Hannah Blankenberg