Herkules-Aufgaben – Teil 3

Eine Kneipe, zwei StraBaDa-Reporter und 24 Stunden Zeit. Anna Wittmershaus und Larissa Wagner haben das beinahe Unmögliche gewagt: Einen ganzen Tag und eine ganze Nacht in der “Pilsstube bei Herkules” ausharren, der einzigen Kneipe in Darmstadt, die fast durchgehend geöffnet hat. Im dritten Teil berichten sie von den letzten und schwersten Aufgaben.

IX – Haltet die Gefährten zusammen

Niemand ist gerne allein. Auch wir nicht und schon gar nicht 24 Stunden. Deshalb haben wir uns im Voraus für den Abend im Herkules einige Kommilitonen eingeladen. Die einen erscheinen früher, die anderen später. Das ist uns recht, Abwechslung tut gut. Die Zeit, die wir mit ihnen verbringen, vergeht wie im Flug. Beinahe schaffen wir es nicht rechtzeitig die neuen Schilder zu malen, weil wir so abgelenkt sind. Die Fotos dieser Stunden sind wesentlich kreativer gestaltet. Doch irgendwann setzt bei unseren Kommilitonen die Müdigkeit ein, die Augen werden schwer und der Blick fällt hin und wieder sehnlich auf die Uhr. Jetzt liegt es an uns, sie wach zu halten, dazu zu bringen zu bleiben.

Unsere Kommilitionen Silas Sachs (links) und Daniel Lücking (rechts)

Unsere Kommilitionen Silas Sachs (l.) und Daniel Lücking (r.)

Eine Zeit lang geht das mit Bitten und Betteln – die Mitleidstour zieht. Doch gegen drei Uhr nachts verlieren wir drei von vier Kommilitonen innerhalb weniger Minuten. Unsere volle Aufmerksamkeit gilt nun dem letzten Verbleibenden. Mit einem Bier können wir ihn überreden bis fünf Uhr morgens bei uns zu bleiben, doch dann geht auch er. Vor uns liegen fünf weitere, lange Stunden.

X – Durchhalten

24 Stunden in ein und derselben Bar zu bleiben, ist nicht leicht. Anfangs funktioniert es noch gut. Die vielen neuen Eindrücke und Gespräche mit Gästen müssen wir schließlich erst mal verarbeiten. Der erste herbe Schlag kam um 14 Uhr. Die Schicht von Barkeeper Michael endete und er verabschiedete uns mit den Worten „Na dann mal bis morgen früh.“ Seine nächste Schicht beginnt am nächsten Morgen um sechs Uhr und auch die werden wir noch miterleben.

Der nächste Schock ließ nicht lange auf sich warten. Laut Barkeeperin Natalie kommen gegen späten Abend und nachts über 100  Gäste ins Herkules. Ein Gedanke, der ihr ein Lächeln ins Gesicht zauberte, löste in unseren Köpfen blankes Entsetzen und Ungläubigkeit aus. Uns beiden geisterte die gleiche Frage durch den Kopf: Wohin mit den ganzen Menschen? So groß ist das Herkules nämlich gar nicht. Doch wir hatten Glück. Selbst in der vollsten Stunde waren nur etwa 50 Gäste im Herkules. Die Stunden vergehen. Wir werden müde, doch uns ist klar, aufgeben werden wir nicht. Schließlich haben wir schon über zehn Stunden hinter uns, die sollen nicht umsonst gewesen sein.

Noch fünf Stundnen durchalten

Noch fünf Stunden durchalten

Der richtige Kampf beginnt aber erst am frühen Morgen. Ab sechs Uhr kommt es uns so vor, als würden die Minuten Stunden dauern.  Längst haben wir nicht mehr die Kraft mit den anwesenden Gästen zu reden. Das hält jene aber nicht davon ab, uns immer wieder anzusprechen. Die letzte Stunde ist die Schlimmste, am Liebsten wollen wir einfach nur noch rausrennen. Dann bekommen wir mentale Unterstützung von Gästen. Mit unzähligen Fragen versuchen sie uns abzulenken und reden uns Mut zu. Und tatsächlich, auch die letzte Minute haben wir überstanden.

XI – Findet euren Heimweg

Zehn Uhr morgens, die Sonne scheint. Vor dem Herkules machen wir ein letztes Foto und laufen Richtung Haltestelle, umhüllt von einer starken Duftwolke aus kaltem Rauch und Bier. Auf dem Luisenplatz tummeln sich die Menschen in ausgelassener Freude. Farbenfrohe Kleider, Sandalen, Sonnenbrillen und Eiskugeln wohin das Auge blickt. Nur wir tragen lange, dunkle Hosen. Völlig übermüdet schleppen wir uns auf eine Bank, um auf den Bus zu warten. Keiner von uns sagt ein Wort, die Köpfe sind leer.

Endlich: die 24 Stunden sind geschafft!

Endlich: die 24 Stunden sind geschafft!

Bei der Heimfahrt fällt es uns schwer wach zu bleiben, immer wieder nicken wir ein. Erst wenn der Kopf gegen die Fensterscheibe stößt, schrecken wir auf. Zu Hause angekommen geht es aber trotzdem als allererstes unter die Dusche. Auch nach drei Mal Waschen ist der Geruch nicht ganz aus den Haaren wegzukriegen. Das Herkules hat seine Spuren hinterlassen.

XII –  Seid kreativ

Die 24 Stunden sind geschafft! Aber die schwerste Aufgabe kommt bekanntlich immer zum Schluss. Herkules musste als letztes den Wachhund des Todes aus der Unterwelt in die Oberwelt bringen. Wir müssen alle Eindrücke, die wir in diesen 24 Stunden gesammelt haben, in einem Text unterbringen. Was liegt da näher, als eine normale Reportage zu schreiben? Eigentlich nichts. Unsere hätte ungefähr so begonnen:

Es ist zehn Uhr morgens. Die Sonne scheint auf das einstöckige Gebäude mit Flachdach, vor dem wir gerade stehen. Ein letztes Mal atmen wir die frische Luft ein und betreten die Pilsstube Herkules durch den Hintereingang. Das erste, was uns auffällt, sind vier verlassene Holztische. Auch an dem langen Tresen der Bar herrscht gähnende Leere. Nur die drei Spielautomaten blinken munter vor sich hin…

Erinnerungsfotos zu jeder vollen Stunde

Die Erinnerungsfotos helfen uns beim Schreiben

Unsere erste Fassung sah tatsächlich so aus. Aber ist eine einfache Aneinanderreihung von Ereignissen spannend? Lustlosigkeit und Schreibblockaden überkommen uns immer wieder während des Schreibens. Wenn sogar die Autoren selbst ihren Text schlecht finden, ist das kein gutes Zeichen. Außerdem müssen wir aufpassen, dass wir nicht zu positiv oder negativ über das Herkules schreiben. Denn es gibt Menschen, für die ist das Herkules die tollste Kneipe in ganz Darmstadt und für andere, wie zum Beispiel Mohamed und seine Freunde, ist es „die letzte Absteige, in der fast nur Asoziale rumhängen.“

Wir haben viel Zeit in die erste Version investiert, um sie dann über den Haufen zu werfen. Warum? Weil uns die Idee mit den Herkulesaufgaben kam und wir beide sofort Feuer und Flamme waren. Die normale Reportage hätte  übrigens so geendet:

Stolz und mit steifen Gliedern verlassen wir unsere 24 Stunden-Heimat und betreten die Straße. Das helle Sonnenlicht blendet uns. Erstaunt stellen wir fest, dass es auch ein Leben außerhalb des Herkules gibt. Erschöpft, aber mit einem triumphierenden Lächeln auf den Lippen machen wir uns auf den Weg nach Hause. Die neuen Herkules-Helden sind geboren.

 

Von den Aufgaben I bis IV berichten Anna und Larissa in „Herkules-Aufgaben – Teil 1“, von den Aufgaben V bis VIII in „Herkules-Aufgaben – Teil 2“.

Text: Anna Wittmershaus und Larissa Wagner | Fotos: Larissa Wagner und Tobias Krebs