Herkules-Aufgaben – Teil 1

Eine Kneipe, zwei StraBaDa-Reporter und 24 Stunden Zeit. Anna Wittmershaus und Larissa Wagner haben das beinahe Unmögliche gewagt: Einen ganzen Tag und eine ganze Nacht in der “Pilsstube bei Herkules” ausharren, der einzigen Kneipe in Darmstadt, die fast durchgehend geöffnet hat. In drei Teilen erzählen sie von ihren Eindrücken, Strapazen und  den kuriosesten Gästen.

Es ist Mittwoch, etwa 13 Uhr. Wir sitzen in der Themenkonferenz für StraBaDa, als jemand die “Pilsstube bei Herkules” erwähnt, die einzige Bar in Darmstadt, bei der Gäste nicht über die Öffnungszeiten nachdenken müssen. Das Gespräch nimmt seinen Lauf und am Ende steht ein Vorschlag, den wohl niemand mehr so ganz erklären kann – 24 Stunden Herkules. Ohne jemals die Bar betreten zu haben, sagen wir zu – so schlimm kann das ja nicht werden. Doch wie Herkules aus den griechischen Mythen, dem von König Eurystheus zwölf Prüfungen auferlegt wurden, mussten auch wir zwölf Aufgaben bewältigen.

Anna Wittmershaus und Larissa Wagner (v.l.)

Anna Wittmershaus und Larissa Wagner (v.l.)

I – Wagt den ersten Schritt

Angehenden Journalisten sollte es nicht schwer fallen, Termine und Interviews mit Ämtern, Privatpersonen oder Kneipenbesitzern zu vereinbaren. Wir hätten vielleicht auch auf gut Glück hingehen können. Das erscheint uns dann aber doch zu unprofessionell. Wir setzen uns also zusammen und formulieren eine E-Mail-Anfrage. Aber E-Mails sind geduldig, sehr geduldig.

Nach drei Tagen ohne Antwort überlegen wir, ob wir nicht einfach mal vorbeischauen oder anrufen sollen. Doch vorher erhalten wir eine Antwort, besser gesagt gleich zwei. Eine von dem Inhaber Herkules Chatziparasidis persönlich und eine von seiner Frau Sandra. Beide mit ähnlichem Inhalt. Es sei natürlich möglich 24 Stunden einschließlich der Sperrstunde im Herkules zu verbringen. Wir sollten nur noch mal kurz anrufen, um Genaueres zu klären. Gesagt, getan. Nach dem Anruf fühlen wir uns wie Herkules nach seiner ersten Heldentat – unverwundbar.

II – Entlockt den Gästen ihre Geschichten

Wieder eine Aufgabe, die angehenden Journalisten nicht schwerfallen sollte. Dennoch ist es manchmal eine Herausforderung. Die ersten Gäste, die uns Rede und Antwort stehen, sind die Handballer der MSG Groß-Zimmern/Dieburg. Sie sind ins Herkules gekommen, um ihren  Saisonabschluss zu feiern. „Es gibt eben nix schöneres, als morgens um elf Uhr im Herkules zu sein“, grinst Jan Ullmann, einer der Spieler.

Handballer der MSG Groß-Zimmern/Dieburg

Handballer der MSG Groß-Zimmern/Dieburg

Nicht alle Gäste im Herkules sind so redselig. Einige am Tresen sehen aus, als ob sie zum Inventar gehören: etwas verlassen, alt und heruntergekommen. Natürlich soll man Menschen nie ausschließlich nach ihrem Äußeren beurteilen, aber wir müssen gestehen, wir beide machen es doch. Aber im Herkules laufen Interviews sowieso anders. Der Journalist muss hier nicht auf die Gäste zugehen, die Gäste kommen von ganz alleine zu ihm.

So entdeckt uns Renate Bachmann und fragt die Barkeeperin Natalie mit lauter Stimme: „Was machen denn die zwei Mädchen da hinten im Eck?“ Wir wittern unsere Chance. Die Darmstädterin beantwortet begeistert unsere Fragen. Sie sei ab und zu hier und fühle sich hier wohl. Außerdem kenne sie den Wirt sehr gut. Eine kleine Anekdote hat sie dann auch noch für uns. „Es ist jetzt schon zwei Jahre her, das weiß ich noch ganz genau“, erzählt Bachmann. „Neben mir stand ein Mann, der hatte wohl kein Geld mehr, um sich was zu trinken zu kaufen.” Als er versucht habe sie zu beklauen, hätte der Wirt das mitbekommen und sei ihr sofort zu Hilfe geeilt. Wirklich böse schien Bachmann dem Dieb aber nicht gewesen zu sein. Nachdem er überführt war, spendierte sie ihm ein Getränk. „Er hätte ja gleich was sagen können, dann hätte er mich nicht beklauen müssen.“

Alexander macht mit seinen Freunden nur Zwischenstopp im Herkules. „Wir haben gelost wo wir als nächstes hingehen und ich habe gewonnen“, erklärt er. Für Andere ist das Herkules die letzte Station der langen Nacht. Wie zum Beispiel für Sebastian. „Ich war auf einer Studentenparty, die ist jetzt aus. Aber ich will noch nicht nach Hause gehen“, lallt er und gibt sich Mühe das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Er wolle sich lieber noch etwas unterhalten, am liebsten mit Frauen. Das tut er dann auch, wir werden ihn fast nicht mehr los.

III – Haltet Kontakt zur Außenwelt

Für ganze 24 Stunden besteht unsere Welt aus einem langgezogenen Tresen, ein paar Holztischen und zahlreichen Barhockern. Es kommt uns nicht so vor, als ob das  Leben außerhalb dieser Kneipe ohne uns weiter geht. Aber genau das tut es.

Anna Wittmershaus hat das Handy immer griffbreit

Immer griffbreit: das Handy

Mit dem Handy halten wir Kontakt mit der Außenwelt. Besorgte Mütter rufen regelmäßig an, um sicher zu gehen, dass ihre Töchter noch am Leben sind. Freunde halten uns per SMS über die aktuellen Punktestände bei den French Open auf dem Laufenden. Über Facebook werden wir von Freunden zum Durchhalten ermutigt. Zumindest bis der Akku des Mobiltelefons leer ist. Das hätte dem echten Herkules damals wohl kaum passieren können.

IV – Bekämpft den Hunger

In 24 Stunden bekommt man irgendwann Hunger. Deshalb haben wir uns Brötchen und Brote von zu Hause mitgenommen. Doch lange reichen die nicht und schon gegen 15 Uhr bekommen wir richtig Hunger. Doch was tun? Wir beide wollen das Herkules nicht verlassen, nicht mal für einen Gang zum Bäcker um die Ecke.

Zum Trinken gab es genug....

Zum Trinken gab es genug....

Übers Internet informieren wir Freunde und Kommilitonen durch ein bemitleidenswertes Foto über unsere knurrenden Mägen. Es dauert nicht lange, bis wir eine Rückfrage bekommen, was wir gerne hätten. Gegen 20 Uhr besucht uns eine Kommilitonin und wir erhalten unsere Döner und zum Nachtisch Schokoriegel. Der Hunger ist besiegt, vorerst. Spät in der Nacht, etwa gegen vier Uhr, wird uns klar, dass wir die nächste Mahlzeit erst nach zehn Uhr zu uns nehmen können. Nämlich dann, wenn wir das Herkules wieder verlassen. Die Angst vor dem großen Hunger wächst, das Hungergefühl selbst kommt jedoch nicht mehr. Andere Herausforderungen lenken uns ab.

Welche Herausforderungen das waren, können Sie in „Herkules-Aufgaben – Teil 2“ erfahren.

Text: Anna Wittmershaus und Larissa Wagner | Fotos: Anna Wittmershaus und Tobias Krebs.