Fünf Schritte zwischen Polen und Holland

Die Welt erscheint einem machmal sehr klein. Auf dem Luisenplatz fühlt man sich darin derzeit bestätigt. Städtepartnerschaften hat Darmstadt in ganz Europa –  von der Türkei über Norwegen bis nach Italien. Um einen Eindruck von den Ländern zu bekommen, muss man aber keine tagelangen Reisen unternehmen: ein Besuch im Europadorf reicht völlig.

Die niederländischen Käselaibe türmen sich an dem Stand mit den dunkelgrünen Dachgiebeln. Der Geruch von Backfisch und Matjesfilets liegt in der Luft. Ein paar Meter weiter wird polnisches Bigos, ein Eintopf aus Sauerkraut und Schweinefleisch, angeboten. Über Schmuck verziert mit Fäden aus Schmetterlingskokons weht eine türkische Fahne. Wer von den Ständen kurz aufschaut, erblickt den „Langen Lui“ – und erinnert sich daraufhin, dass er trotz des internationalen Flairs mitten in Darmstadt auf dem Luisenplatz steht.

Internationales Schlemmen im Europadorf

Internationales Schlemmen im Europadorf

Das Europadorf bietet Kunsthandwerk und kulinarische Spezialitäten aus den Partnerstädten Darmstadts. Es wird seit 23 Jahren traditionell veranstaltet, wenn die Stadt ein Jubiläum mit einer ihrer 15 Partnerstädte feiert. In diesem Jahr gibt es gleich drei Mal Anlass dazu – durch eine 20-jährige Partnerschaft mit Brescia in Italien und Saanen in der Schweiz, sowie einer 40-jährigen Partnerschaft mit Bursa, das in der Türkei liegt. „Der Luisenplatz ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt in Darmstadt. Wir hoffen, dass viele Menschen durch das Europadorf auf die zahlreichen Partnerstädte der Stadt aufmerksam werden“, so Bernd Schäfer vom Büro für Städtepartnerschaften und internationale Beziehungen. Das Europadorf sei bei den Darmstädtern, die die Tradition bereits kennen, sehr beliebt: „Manche rufen schon Wochen vorher in unserem Büro an und fragen nach dem genauen Termin.“

Am Anfang traute sich niemand zu probieren

Rund 400 Begegnungen gebe es im Jahr aufgrund der Partnerschaften. Dabei sei nur ein kleiner Teil von der Stadt organisiert, oft fungiere sie lediglich als Vermittler. Laut Schäfer gibt es Begegnungen in allen möglichen Bereichen: zum Beispiel in Form von Schüleraustauschen, Besuchen von Sportmannschaften und Musikgruppen, Ausstellungen oder Vorträgen von Gastdozenten aus den Partnerstädten. „Und dabei sind rein private Treffen noch gar nicht mit eingerechnet.“

Polnische Spezialitäten auf engem Raum

Polnische Spezialitäten auf engem Raum

Am Luisenplatz wird es an den Ständen langsam voller. Dorothea Mondry ist gebürtige Polin und Mitbegründerin des deutsch-polnischen Vereins „Die Brücke“ in Darmstadt. Sie betreut zum zweiten Mal einen polnischen Stand beim Europadorf. Seit 23 Jahren ist das im Zentrum Polens liegende Plock eine Partnerstadt von Darmstadt. „Ich erinnere mich noch, dass sich beim letzten Mal anfangs niemand traute, das Bigos zu probieren“, erzählt Mondry. Es dauere eben einige Zeit, bis man sich an ein fremdes Gericht heranwage. Neben dem Nationalgericht gibt es auch noch Süßigkeiten, Schnaps und Bier aus Polen an ihrem Stand zu probieren. Mondry lebt seit 24 Jahren in Darmstadt. „Wenn es nächstes Jahr 25 Jahre werden, bin ich wohl langsam eine richtige Darmstädterin“, sagt sie.
Glasfiguren, wie kleine Engel und Schweine kann man an dem Stand des Niederländers Frans Limpens erwerben. Alkmaar in Holland ist seit 52 Jahren in einer Partnerschaft mit Darmstadt. Damit ist sie Darmstadts älteste Partnerstadt. Limpens schätzt die Begegnungen in Darmstadt sehr: „Es ist immer eine schöne Zusammenarbeit mit den anderen Standbesitzern. Wir sind eine richtige Gemeinschaft während dieser Tage.“

Darmstadt als zweite Heimat

Man kenne sich, bestätigt auch Bernd Schäfer. So seien sämtliche Hütten im Besitz der Niederländer, könnten aber kostenlos von Händlern aus den anderen Partnerstädten genutzt werden. „Für unsere Teilnehmer aus Bursa in der Türkei wäre der Transport von Hütten ja auch schwierig zu bewerkstelligen“, so Schäfer.

Der Lange Lui wacht über dem Stand der Heils

Der Lange Lui wacht über dem Stand der Heils

Seit 1990 pflegt Darmstadt zudem Beziehungen zu Gyönk in Ungarn. Für das Ehepaar Erzsebet und Peter Heil ist Darmstadt dabei zu einer zweiten Heimat geworden. „Früher sind wir hier nur zu Besuch gewesen, weil Verwandte von mir in Darmstadt leben“, erzählt Peter Heil. Inzwischen seien sie selbst aus Ungarn nach Darmstadt gezogen. An ihrem Stand kann man Salami und Wein aus eigener Herstellung kaufen. Natürlich gibt es auch die ungarische Brotspezialität Langosch.
Wer nach dem Besuch des Europadorfs Lust bekommt, einmal persönlich nach Gyönk oder Plock zu reisen, dem kann das Büro für Städtepartnerschaften und internationale Beziehungen am Luisenplatz weiterhelfen. „Wir bieten Prospekte für den nächsten Urlaub oder auch die Vermittlung von Gastfamilien und Vereinskontakten in all unsere Partnerstädte an“, so Schäfer.

Das Europadorf ist noch bis Pfingstsamstag, 11. Juni, auf dem Luisenplatz in Darmstadt zu finden.

Text und Fotos: Natascha Krämer