Ein Morgen des Langen Lui

Der Lange Ludwig ist das Zentrum Darmstadts. Jeden Tag laufen viele Menschen an ihm vorbei, einige von ihnen lassen sich auch auf seinen Stufen nieder. Doch warum? Und wer sind diese Menschen? Vier Stunden lang haben wir uns buchstäblich in den “Langen Lui” hinein versetzt…

Student liest Scriptum

Student liest Scriptum

Neun Uhr morgens an einem Donnerstag. Der Himmel ist grau und es weht ein kühler Wind. Die Tauben, die sich auf mir zum Schlafen niederlassen, werden langsam wach und der Luisenplatz um mich herum füllt sich. Die ersten müden Menschen essen beim Vorbeigehen ihr Brötchen, trinken Kaffee und eilen zu den Bussen oder Straßenbahnen. Sie sind auf dem Weg zur Arbeit, in die Schule oder in die Uni. Einige lassen sich auch auf meinen Stufen nieder – und die schaue ich mir heute mal genauer an. Denn jeden Tag diene ich Menschen als Sitzgelegenheit, aber wer da unten sitzt und warum, weiß ich nicht.

Die ersten Personen, die es sich zu meinen Füßen bequem machen, sind jeden Tag hier. Sie trinken schon sehr früh morgens Bier und rauchen Zigaretten. Eine Frau, die ich nun des Öfteren gesehen habe, trägt einen zylinderartigen Hut und ein buntes Outfit, das mich an Hippies erinnert. Fast im Minutentakt kommen Freunde von ihr dazu. Alle bringen etwas zum Trinken mit. Zur Begrüßung umarmen sie sich herzlich. Nachdem sie die Bierflaschen geöffnet haben, hört man es klirren –
„Prösterchen!“

In eine leere Gasse setzt sich keiner gerne

Zu meiner Linken kommt im selben Moment ein junger Mann mit Brille und längeren braunen Haaren auf seinem Fahrrad heran gefahren. Er lehnt das Fahrrad an die untere meiner drei Stufen und setzt sich daneben. Genüsslich beißt er in sein Brötchen und nippt an seinem Kaffee. „Ich komme gerade vom Arzt, und muss gleich weiter.“ Da ich in der Nähe seines nächsten Termins sei, komme er zu mir. „Auch kann man von hier die Menschen gut beobachten. In eine leere Nebengasse würde ich mich nicht alleine setzen“, fügt er hinzu.

Ich schaue weiter um mich, halte Ausschau nach Personen. Die meisten huschen nur vorbei, ohne mich zu beachten. Einer ist besonders schnell: Er rennt quer über den Luisenplatz, am Brunnen vorbei und springt in einen Bus. Direkt hinter ihm geht die Tür zu. Er hat Glück, dass er den Bus noch erwischt hat. Nicht so glücklich ist dagegen eine Gruppe von drei Mädchen, die plötzlich von der anderen Seite angerannt kommen. „Nein, er ist weg“, ruft die eine, und schaut dem abfahrenden Bus enttäuscht hinterher.

Plötzlich höre ich sanfte Klavier- und Violinentöne. Meine Stammgäste haben das Radio angemacht und einer der Männer tippt mit seinen Fingern im Rhythmus auf seinem Knie mit. Kurz darauf wird die Musik jedoch schon von den Motoren der Busse und an- und abfahrenden Straßenbahnen übertönt.

Schön ist was anderes

Da sonst niemand mehr zu mir kommt, betrachte ich mich selbst: Besonders schön sehe ich ja nicht gerade aus. Einige haben meine Steine sogar bekritzelt. „I love Jasmin K. 4 ever“, steht auf einer Stufe. Sehr süß! Des Weiteren finde ich viele Kippenstummel und Unmengen an Bierdeckel neben Vogel-Exkrementen herum liegen.

Liebesbekenntnis am Lui

Liebesbekenntnis am Lui

Dann kommt auch schon ein neues Gesicht auf mich zu. Der Mann im Sakko kommt aus Schleswig-Holstein und ist dienstlich in Darmstadt. „Dies hier ist ein sehr zentraler Punkt und man kann den Trubel gut beobachten“, antwortet er auf die Frage, warum er gerade zu mir gekommen ist, um seine Zigarette zu rauchen. Störend findet er nur den Straßenbahnverkehr. Und schwupps steht er auch gleich wieder auf, um in eine Sitzung im Kollegiengebäude zu gehen, in der er wohl bis zum späten Abend sein wird.

Die nächste Frau zündet sich eine Zigarette an und setzt sich auf die zweite Stufe. Sie ist Putzfrau und kommt gerade von der Arbeit. Sie sitzt des öfteren hier, wenn sie auf den Bus wartet. Wie die Männer zuvor mag sie meine zentrale Lage und beobachtet gerne die Massen, die hier vorbei gehen. Der nächste junge Mann, Student für Kunststofftechnik an der Hochschule Darmstadt, will sich auch nur die Zeit vertreiben, da er seinen Bus verpasst hat. Aus Langeweile hat er sich ein Buch, „Scriptum“, gekauft und beginnt zu lesen.

„Prösterchen“ klingt es wieder aus der anderen Ecke. Einer der Männer hat für Nachschub gesorgt. Nach mehreren einzelnen Personen, die sich nur die Zeit vertrieben haben, kommt eine Gruppe junger Männer zu mir. Doch meine Hoffnung, etwas Nettes von ihnen über mich zu hören, schwindet schnell. „Wir machen blau und warten auf meine Freundin“, sagt einer der vier Knaben. Eigentlich müssten sie in der Schule sein, aber „abhängen“ macht wohl mehr Spaß. Vielleicht gehören sie ja bald auch zu meinen Stammgästen.

Text und Fotos: Kim Zabel