Der Darmstädter Wurm

1886 fuhr die erste Straßenbahn. Heute flitzen die Bahnen wie kleine Würmer durch Darmstadt. Allerdings: Die Entwicklung des Netzes ging nur schleppend voran. Vor allem durch Kriege wurde die Bahn beschädigt.

Konzessionen zum Bau der Bahnlinien gab es schon im 19. Jahrhundert. Nachdem der erste Antragsteller das Interesse aufgrund der Dauer der Genehmigung jedoch verloren hatte, wurde Herrmann Bachstein und der Bank für Gewerbe im Mai 1886 der Bau genehmigt. Nach Griesheim und Eberstadt sollten die ersten beiden Linien führen. Im November 1886 ging die erste Bahn auf die Schienen. Als dritte Linie folgte die Verbindung nach Arheilgen.

Die neugegründete Süddeutsche Eisenbahngesellschaft (SEG), die eine der größten Eisenbahngesellschaften in Deutschland war, wollte den Bahnbetrieb vorantreiben, stieß aber auf heftigen Widerstand. Denn die Stadt Darmstadt hatte eigene Pläne für einen Ausbau. Sämtliche Bemühungen um ein Abkommen zwischen der SEG und der Stadt Darmstadt führten bis in das Jahr 1912 zu keinem Ergebnis. Sogar mit der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft Berlin nahm die Stadt Darmstadt Verhandlungen auf.

Frankfurt diente als Beispiel

Diese Verhandlungen endeten ebenfalls ohne Erfolg. Um die wichtige Aufgabe der Mobilität zu bewältigen, nahmen sich die Stadt Darmstadt und die SEG schließlich ein Beispiel an Städten wie Frankfurt, die schon ein Verkehrsunternehmen gegründet hatten.

Noch bevor der Hauptbahnhof eröffnet wurde, konnte der Oberbürgermeister, Dr. Wilhelm Glässing, die Vertrags- und Satzungsentwürfe für die damalige Hessische Eisenbahn-Aktiengesellschaft (HEAG) der Stadtverordnetenversammlung vorlegen. Bestandteile der Satzung waren unter anderem die Umstellung auf den elektrischen Betrieb sowie der Ausbau des Liniennetzes. Nach abschließenden Verhandlungen zwischen den Akteuren gründeten diese im April 1912 die HEAG. Dem gewünschten Aus- und Umbau stand somit nichts mehr im Weg. Zwei neue Linien, eine davon als Hauptlinie, kamen noch vor dem Ersten Weltkrieg hinzu. Der Krieg und auch die folgende Inflation verschlechterten die Bedingungen für den Ausbau des Netzes jedoch erheblich.

Wachstum der Industrie half

Zur Kriegszeit mangelte es an Personal, der Preis für eine einfache Fahrt stieg von 20 Pfennig auf 200 Millionen Reichsmark an und zeitweise legte die HEAG ganze Linien still. Auch die große Depression in den Jahren nach 1929 machte es den Betreibern schwer, rentabel zu bleiben. Ab dem Jahr 1933 stieg aber zumindest die Zahl der Fahrgäste, nicht zuletzt wegen des Wachstums der Industrie. Da im Zweiten Weltkrieg Kraftfahrzeuge nur bedingt eingesetzt werden konnten, stieg die Zahl der Fahrgäste weiter.

Der Luftangriff in der Nacht auf den 12. September 1944 richtete in der gesamten Innenstadt verheerende Schäden an. Die Kosten für den Wiederaufbau der Straßenbahn beliefen sich auf rund 15 Millionen Mark. In der Nachkriegszeit erlebten der Verkehr und die Straßenbahn in Darmstadt einen Aufschwung, zahlreiche Haltestellen kamen hinzu.

Die Routen der Straßenbahn sind noch heute im Wesentlichen so, wie sie zur Jahrhundertwende und nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut wurden. Manche Linien blieben stillgelegt oder bekamen andere Namen. Die “Würmer” genannten Straßenbahnen eins, sieben, acht und neun haben heute noch ihre alte Bezeichnung und fahren auf den Routen von damals.

Text und Grafik: Michael Bitsch