Chaos nach Plan

Hauptsache anders. So könnte das Motto des Hundertwasserhauses lauten, denn normal ist hier reichlich wenig. Schon alleine durch seine U-Form tanzt das Wohnhaus aus der Reihe, ganz zu schweigen von der äußeren Erscheinung. Weißen Putz oder 0-8-15 Backsteine gibt es nicht. Stattdessen führen den Betrachter tausende Mosaiksteine um das Gebäude herum, vorbei am goldenen Zwiebelturm, hinein in den Innenhof.

Hier steht keine Wand gerade, kein Fenster gleicht dem anderen, selbst die Türklinken sind Unikate und bunte Mosaiksteine schlängeln sich die Fassade entlang – die Rede ist vom Hundertwasserhaus Waldspirale.

Der U-förmige Gebäudekomplex steht seit dem Jahr 2000 mitten im Bürgerparkviertel Darmstadts. Im gleichen Jahr verstarb auch sein Gestalter, der Wiener Künstler Friedensreich Hundertwasser, der zahlreiche Häuser in seinem ganz eigenen Stil erschuf. Dieser ist vor allem durch die goldenen Zwiebeltürme, die erdfarbenen Fassaden und die Säulen in knalligen Farben wie rot, violett oder gelb gekennzeichnet.

Die goldenen Zwiebeltürmchen sind ein Markenzeichen Hundertwassers

Die goldenen Zwiebeltürmchen sind ein Markenzeichen Friedensreich Hundertwassers

Aus Kostengründen ist nur in wenigen der 105 Wohnungen der Waldspirale Hundertwassers Handschrift deutlich zu erkennen. Neben ungeraden Wänden, sind alle Ecken an Boden und Decken abgerundet. Bunte Fliesen zieren die Küchen und Badezimmer, Türklinken und jedes der insgesamt 1000 Fenster sind einzigartig. Nicht einmal bei den Hausnummern machte er eine Ausnahme, diese bestehen ebenfalls aus gelben oder roten Mosaiksteinen.

So außergewöhnlich wie das Haus, sind laut Johannes Pantel auch seine Bewohner. Er selbst lebt seit vier Jahren dort. „Wir sind von Heidelberg nach Darmstadt gezogen, als wir hörten, dass hier eine Wohnung frei ist“, so Pantel. Sind hier erst einmal Zimmer frei, dauere es nicht lange, bis neue Mieter einzögen. Ein Kauf sei nicht möglich, schließlich sei das Gebäude ein Kunstbau, dass die Vorstellung Hundertwassers vom organischen und menschengerechten Wohnen verkörpere.

„Es ist ein Experiment und die Instandhaltung sehr kostspielig“, sagt der 48 Jährige. Das schläge sich auch auf die Miete nieder, zwar sei der Preis pro Quadratmeter mit dem einer Altbauwohnung in Darmstadt vergleichbar, die Betriebskosten seien dafür wesentlich höher. Das stört den Arzt aber nicht: „Ich wohne gerne hier, auch die Atmosphäre in der Mietgemeinschaft ist toll.“ Von den vielen Touristen lässt er sich ebenso wenig aus der Ruhe bringen. „Ich habe Verständnis dafür, dass die Menschen sich das Haus gerne anschauen. Dafür ist es ja auch da“, so Pantel.

Ein Ausblick bis nach Frankfurt

Doch nicht nur das Haus selbst ist einen Besuch wert. Das Restraurant „La Cupola d’Oro“, benannt nach der goldenen Kugel – dem höchsten Punkt der Waldspirale, bietet neben der mediterranen Küche einen atemberaubenden Ausblick. In einer Richtung kann man bis nach Frankfurt und in den Taunus blicken, zur anderen Seite sieht man Darmstadts Hochzeitsturm und die Kuppelkirche.

Den höchsten Punkt der Waldspirale bildet die goldene Kugel

Den höchsten Punkt der Waldspirale bildet die goldene Kugel

Der Nachbar Mathias Schmidt sieht sich das kunstvolle Gebäude beim Spaziergang mit seiner kleinen Tochter oft an. Besonders an der Entenfamilie im Garten der Waldspirale haben sie ihre Freude. Beim ersten Spartenstich sei er allerdings noch skeptisch gewesen. „Wir haben uns gefragt, warum man das ausgerechnet hier baut. An der Rosen- oder Mathildenhöhe wäre es ja naheliegender gewesen“, sagt der 40-jährige Darmstädter.

An die vielen Touristen habe er sich selbst nach elf Jahren noch immer nicht ganz gewöhnt. „Auf einmal steigen lauter Japaner mit Kameras aus einem Bus aus und man fragt sich, was die denn jetzt eigentlich wollen“, erzählt er. Trotzdem gefällt ihm das ausgefallene Haus, vor allem die Gartenanlage mit Spielplatz. Sie sei nicht nur schön angelegt, Eltern könnten ihre Kinder hier auch sorgenfrei spielen lassen.

Die Oase in der Großstadt

Der Garten ist nur für Bewohner begehbar und beherbergt einen künstlich angelegten Teich sowie einen kleinen Bach, der sich über das ganze Gelände zieht. Blickdichte Bäume und Büsche verwehren Spaziergängern den direkten Blick in das kleine Paradies, sodass die Bewohner in Ruhe entspannen können.

Im Innenhof kann die Ostseite des Wohnhauses bestaunt werden

Der Innenhof ist allen Besuchern zugänglich

Auch das Dach, das ähnlich wie eine Rampe entlang der U-Form verläuft, ist mit Nadelbäumen und Stauden bepflanzt. Die grüne Oase inmitten der Großstadt fällt eben durch ihre Andersartigkeit auf. Niemand läuft vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Zu auffällig sind die bunten Keramiksäulen, zu irreführend die Wirkung der Fassade. Denn auf den ersten Blick scheint die Waldspirale schief zu stehen.

Dafür sorgen die schräg verlaufenden Wandfarben und die tausenden Mosaiksteine, die sich um das Haus ziehen. Je genauer man guckt, desto mehr kleine, aber feine Details kommen zum Vorschein, das gilt auch für den öffentlichen Innenhof, von dessen Café aus die gesamte östliche Seite des Hundertwasserhauses bestaunt werden kann.

Diesen Anblick lässt sich niemand entgehen. Georg Kirberger ist geschäftlich in Darmstadt unterwegs, da darf ein Besuch des Hundertwasserhauses nicht fehlen. „Mir gefällt das Unstrukturierte, das ist mal was anderes“, so der 51-jährige. Auch Lukas Engelter kommt in Freistunden gerne mit seinen Freunden her. „Das ist nicht einfach ein dahingeklotztes, graues Hochhaus, sondern schön bunt“, sagt der 17-jährige. Doch der Schüler ist auch kritisch: „Es ist natürlich eigenartig und bestimmt auch umständlich passende Möbel zu finden, weil die Wände nicht gerade sind.“ Mit dieser Meinung steht er nicht alleine da – auch die 29-jährige Beate Springer würde nicht gerne in der Waldspirale leben. Sie sei zwar hübsch anzuschauen, aber schiefe Wände und Böden seien nicht ihr Fall, die Möbelauswahl fiele dadurch einfach zu schwer.

Natascha Schneider macht ein freiwilliges soziales Jahr an der Christoph-Graupner-Schule und hat für dieses Problem eine Lösung: „Wenn ich in diesem Haus wohnen könnte, dann würde ich mir die Möbel selber bauen. Da passen doch sowieso keine Kaufhausmöbel rein, da braucht man etwas Besonderes.“

Text: Larissa Wagner | Fotos: Caro Lobig