Bunter Unterschlupf für reisende Bücher

Ein bunter Schrank voller Bücher – in der „Offenen Bibliothek“ kann  jeder gebrauchte Bücher nach Lust und Laune abgeben oder ausleihen. In Darmstadt findet man diese farbenfrohen Freiluftbibliotheken in der Viktoriastraße und am Bessunger Platz. Auch das Lesezimmer im Prinz-Georg-Garten gehört zu diesen kostenlosen Einrichtungen und bietet für heimatlose Bücher noch einige freie Regale.

Wer die Viktoriastraße entlang schlendert, kann ihn kaum übersehen – den urigen, bunten Schrank, auf dem in roter Schrift die Worte „Offene Bibliothek“ stehen. Dreht man am Metallknauf, öffnen sich die beiden Türen mit einem leisen Knarren. Auf den Holzbrettern reihen sich hunderte von gebrauchten Büchern: Grusel-Klassiker wie „Schlaflose Nächte“ mit Geschichten von Alfred Hitchcock stehen neben Liebesromanen  und Bilderbüchern, verschiedenen Ratgebern, Kunst- und Technikzeitschriften, sowie einer beinahe vollständigen Reihe roter dtv-Lexika.

Eine offene Bibliothek für Darmstadt

Diese bunt gemischte Sammlung ist das Ergebnis einer Idee, die sich Michael Ibsen vor 15 Jahren von Michael Clegg und Martin Guttmann abgeschaut hat: Die beiden Künstler stellten den ersten öffentlichen Bücherschrank 1994 in Mainz auf. Keine Leihfristen, keine Gebühren und kein Leseausweis – wer sich für ein Buch interessiert, darf es mit nach Hause nehmen und nach angemessener Zeit wieder zurück in den Schrank stellen. „Als ich dieses Projekt das erste Mal in Mainz gesehen habe, dachte ich sofort: So etwas brauchen wir auch in Darmstadt“, berichtet Michael Ibsen, der den passenden Schrank für die offene Bibliothek im Johannesviertel zusammen mit seinem Freund Bodo Bernhardt auf dem Sperrmüll gefunden hat.

Ein Blick in den Bücherschrank.

Ein Blick in den Bücherschrank.

Nachdem ihn beide repariert, mit einem Dach aus Zinkblech verstärkt und bunt angestrichen haben,  stand der Schrank zuerst vor dem Koch’schen Haus. „Hier wurden die Glastüren leider immer öfter zum unabsichtlichen Opfer von Fußbällen, deswegen musste er umziehen und wir haben das Glas gegen Plastik ausgetauscht“, erklärt Ibsen.

Der Bücherschrank als Tauschbörse

Früher hat er den Bestand regelmäßig gezählt und wusste, welche Bücher in den Regalen wohnten. „Ich habe allerdings schnell gemerkt, dass der Bestand ständig wechselt, da viele Bücher nicht zurückgebracht, sondern gegen andere Bücher eingetauscht werden“, sagt Ibsen. Dass das ursprüngliche Konzept der Leihbibliothek nicht ganz funktioniert hat, freut Ibsen sogar, denn durch den Tausch entstehe eine gemischte Vielfältigkeit, mit der selbst klassische Bibliotheken nicht mithalten können.

Dass das Angebot von den Darmstädtern gut angenommen wird, zeigt nicht nur die Eigeninitiative der Anwohner vor Ort. Sie kümmern sich um den Schrank, sammeln heruntergefallene Bücher auf, sortieren sie oder werfen stark beschädigte Bücher weg. „Mein Mann schaut regelmäßig hier vorbei, beinahe jede Woche“, berichtet Annette Witt, die das Glück hat, den Bücherschrank direkt vor der Haustür zu haben. Ibsen erhält außerdem regelmäßig Anrufe von Menschen, die seine Idee loben, auf eine kaputte Tür hinweisen oder Dankesnotizen vor Ort hinterlassen. Ein sympathischer Anruf ist Michael Ibsen besonders gut im Gedächtnis geblieben: „Einmal rief ein Mann aus Mannheim an, der vergessen hat, ein Buch zurückzubringen. Er war ganz verzweifelt, weil er so schnell nicht mehr nach Darmstadt komme um es zurückzubringen – ich habe ihm dann gesagt, dass er das Buch ruhig behalten soll, da ohnehin immer neue Bücher dazukommen.“

Wegen der positiven Resonanz hat Michael Ibsen 2009 auf dem Bessunger Platz (Straßenbahn-Linie 1, 6 und 7) eine zweite öffentliche Bibliothek aufgestellt. Beide Schränke sind immer gut gefüllt, jeder bietet Platz für 300 bis 400 Bücher. Trotzdem ist noch reichlich Potenzial für weitere Bücherschränke in Darmstadt vorhanden: „Bei mir zu Hause stapeln sich noch viel mehr gebrauchte Bücher, allerdings ist es nicht immer einfach, einen passenden Schrank zu finden, der robust und stabil genug ist“, erklärt Ibsen.

Lesezimmer im Prinz-Georg-Garten

Wenn die Regale der bunten Schränke voll sind,  bietet das Pretlack’sche Gartenhaus im Prinz-Emil-Garten (Straßenbahn-Linie 4 bis 8, Haltestelle Willy-Brandt-Platz) eine gute Alternative.

Das Lesezimmer im Prinz-Georg-Garten.

Das Lesezimmer im Prinz-Georg-Garten.

In diesem historischen, mit Bäumen und Ranken bemalten Häuschen hat die Hessische Schlösserverwaltung ein öffentliches Lesezimmer eingerichtet. Die Ausleihe funktioniert nach dem gleichen Prinzip wie bei den kunterbunten Bücherschränken: Wer möchte, kann in den Regalen stöbern, die Bücher draußen im Park lesen oder mit nach Hause nehmen. Damit der Bestand erhalten bleibt, soll das Buch zurückgebracht oder durch ein neues ersetzt werden. Wer genau hinschaut, findet zwischen den Reihen auch Schätze, die schon eine lange Reise hinter sich haben, wie zum Beispiel eine altdeutsche Ausgabe von Oliver Twist.

Tina Walther hat das Lesezimmer heute zum ersten Mal entdeckt: „Ich finde das eine sehr gute Sache. Ich komme auf jeden Fall wieder und bringe auch ein paar meiner alten Bücher mit“, sagt sie, denn dafür ist hier noch reichlich Platz. Einige Regale warten noch darauf, mit spannenden und skurrilen Geschichten gefüttert zu werden.

Text und Fotos: Natascha Koch