16.41 Uhr – Hoch über Kranichstein

16.41 Uhr in Darmstadt. Eine Stunde Zeit. In unserer Serie steigen wir jede Woche pünktlich für Sie aus der Straßenbahn – und zeigen Ihnen eine Momentaufnahme von belebten, kuriosen oder auch eher versteckten Plätzen in Darmstadt. Dieses Mal haben wir den Erdboden verlassen und sind in einem Kranichsteiner Vorgarten auf einer wackligen Strickleiter in luftige Höhen geklettert.

 

Die dunklen Holzlatten knarren leise, sobald man das Reich von Leandra (9) und Merlin (12) betritt. Die Sonne scheint durch ein paar Ritzen des Baumhauses auf ein altes Telefon und einen schwarzen Regenschirm, der an der Wand lehnt. Ein Keramikbär im Matrosenanzug thront neben einem rosafarbenen Schulranzen.

Die Geschwister sind stolz auf ihr Baumhaus

Die Geschwister sind stolz auf ihr Baumhaus

In der Mitte des Baumhauses klafft ein Loch im Boden, das drei Meter in die Tiefe führt. Leandra zieht die Strickleiter nach oben. „Das geht ganz schnell“, sagt sie, während sie die fehlende Holzlatte umklappt. Ihr Bruder Merlin hat indessen den Vorhang aus Bambus vor dem Ausgang zum Balkon nach oben gerollt. „Hier draußen habe ich sogar eine Wetterstation,“ erzählt er. „Da kann ich die Windstärke messen.“ Etwas blinzeln muss man, wenn man aus dem dunklen Inneren des Baumhauses auf den kleinen Balkon kommt. Ein Gartenstuhl steht in der Ecke. Mit einem Scharnier lässt sich eine kleine Holztür öffnen, die einen zweiten Weg nach unten eröffnet – mit dem kurzen Seil, das um das Geländer geschlungen ist. Laut Leandra ist die Aussicht hier oben so gut, dass man den Darmstädter Polizisten ruhig mal vorschlagen könnte, die Kranichsteiner Verkehrskontrollen vom Balkon des Baumhauses aus zu machen. Bisher seien allerdings nur ihre Freunde zu Besuch gewesen. „Die finden das Baumhaus alle richtig toll, weil sie so etwas in ihrem Garten nicht haben“, so die Neunjährige.

“Versuchen – wird schon”

Die ganzen Sommerferien 2006 hätten die Geschwister mit ihrem Vater und ihren Freunden zusammen an dem Haus gearbeitet. Die Holzstreben, die das Baumhaus stützen, seien aus einem alten Fachwerkhaus. „Papa hat alles ausgemessen“, berichtet Merlin. Was sich nach sorgfältiger Planung anhört, war allerdings eher spontan: „Versuchen – wird schon, war unser Motto“, so Matthias Petri, der Vater der Geschwister.

Leandra zieht die Strickleiter nach oben

Leandra zieht die Strickleiter nach oben

Wenn es nach seinem Sohn Merlin ginge, könnte man noch ein zweites Stockwerk darauf setzen. „Aber Papa hat es bisher nicht erlaubt“, sagt der Zwölfjährige. Was nicht heißt, dass Merlin in nächster Zeit aufgeben will, seinen Vater zu erweichen. Eine Rutsche, die vom Balkon in den Garten führt, würde ihm auch gefallen. Andere Ideen haben Leandra und ihr Bruder seit der Fertigstellung sogar schon umgesetzt. Zum Beispiel eine elektrische Klingel für das Baumhaus. „Einmal ausprobieren, bitte“, ruft Leandra nach unten zu ihrem Vater. Und tatsächlich: Der blaue Knopf auf Höhe der Holzstreben löst einen schrillen Ton drei Meter weiter oben im Inneren aus. „Unsere alte Klingel bestand nur aus einer Dose“, erinnert sich Merlin. Gestrichen wurde im Hause Petri auch schon,  mit einem Gemisch aus Kreide und Wasser. Das habe an den Wänden aber nicht lang gehalten, so Leandra.

Im Winter übernachten

Das Telefon stört beim Ausruhen bestimmt nicht

Das Telefon stört beim Ausruhen bestimmt nicht

In einer Ecke des Baumhauses liegt ein zusammengerollter Teppich. „Der ist zum Übernachten da“, erklärt Merlin und breitet zur Demonstration den grauen Läufer auf dem Holzboden aus. „So liegen wir dann da, aber meistens haben wir zwei Teppiche. Sonst wird es zu eng“, fügt Leandra grinsend hinzu. Dabei schmiegt sie sich an ihren Bruder, der es sich schon auf dem Teppich bequem gemacht hat. Sogar im Winter sei es in Schlafsäcken hier oben ganz gut auszuhalten, so die Geschwister – zusammen mit ein paar Brettspielen zum Zeitvertreib. Spielen kann man in dem Baumhaus natürlich auch noch Anderes. „Mit Freunden haben wir uns mal vorgestellt, dass das Baumhaus ein Boot ist und wir draußen Fische fangen.“ Während sie das noch erzählt, öffnet Leandra wieder die Holzklappe und gibt den Blick frei auf den grünen Rasen. Der Abstieg auf der Strickleiter ist nicht weniger wacklig als der Aufstieg.  Auch wenn mancher Besucher sicher froh ist, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben: Den Blick von Leandras und Merlins Balkon aus vermissen alle.

Text und Fotos: Natascha Krämer