16.41 Uhr – Fruchtig wie früher

16.41 Uhr in Darmstadt. Eine Stunde Zeit. In unserer Serie steigen wir jede Woche pünktlich für Sie aus der Straßenbahn – und zeigen Ihnen eine Momentaufnahme von belebten, kuriosen oder auch eher versteckten Plätzen in Darmstadt. Heute erkunden wir die Orangerie aus Sicht der verschiedenen Parkbesucher. Jeder hat hier seinen Platz: Leseratten, Sonnenanbeter, Fußballfans, Sandkastenkinder und Bio-Liebhaber.

Orangerie klingt exotisch – man denkt an den letzten Urlaub im Süden, als diese saftige Frucht überall an den Bäumen hing. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts stellten die Darmstädter Adligen ihre Orangenbäume in diesem barocken Garten aus. Im Winter schützten sie ihre Bäume in einem Schlösschen vor dem Frost, das extra dafür gebaut wurde. In genau diesem Schlösschen finden heute Theaterstücke und Konzerte statt.

Der Park der Orangerie erinnert an die damaligen Zeiten. Denn auch heute laufen die Parkgäste noch an vielen Orangenbäumen vorbei. Die Dattelpalmen, Feigen- und Oleanderbäume sorgen, zusammen mit den Orangenbäumen, für mediterrane Atmosphäre. Die Parkanlage besteht aus drei Terrassen-Ebenen. Auf jeder Ebene liegen Rasenflächen, bestückt mit Blumenbeeten. Manche der Beete stehen noch leer. In der untersten Ebene haben Mitarbeiter des Grünflächenamts bereits blaue und weiße Blumen gepflanzt. Dort sitzen drei Rentnerinnen auf einer Bank und erzählen miteinander. Auf der nächsten Bank schaut sich ein Pärchen tief in die Augen, während es den Kinderwagen langsam vor und zurück wiegt.

Reiner Wadel liest gerne in der Natur

Reiner Wadel liest gerne in der Natur

Neben dem rechteckigen Teich, mit den Wasserrosen und den Fischen, sitzt ein Mann – circa 50 Jahre alt. Er schaut vertieft in sein Buch, die Brille beiseite gelegt. Das Fahrrad steht daneben. Reiner Wadel liest das Werk einer chinesischen Autorin. „Ich interessiere mich sehr für dieses Land“, sagt er. Literatur und Natur passe gut zusammen bei den Chinesen. Das wisse er, weil er chinesische Freunde habe. Diese seien übrigens bei einem Besuch der Orangerie  begeistert gewesen: „Weil es mitten in der Stadt ist und doch so abgelegen und ruhig.“ Absolute Ruhe will der Mann aber gar nicht: Er lese lieber hier als im Lesegarten „weil man hier mehr sieht“. Heute hätte er ohnehin nicht dort lesen können. Das mächtige Eisentor war leider verschlossen, obwohl der Lesegarten normalerweise unter der Woche von morgens um sieben bis abends um acht Uhr geöffnet ist.

Für die Anwohner wie ein zweites Zuhause

Reiner Wadel kommt drei bis vier Mal die Woche in den Park. Er hat schon seine eigene Fotostrecke von immer derselben Stelle gemacht, um die Veränderungen der Jahreszeiten für sich festzuhalten. Der Bessunger scheint die Orangerie in und auswendig zu kennen, denn das Wissen sprudelt nur so aus ihm heraus. Bescheiden weist er die Bezeichnung „Orangerie-Experte“ zurück: „Das könnte ihnen jeder andere Anwohner genauso erzählen.“ Da gebe es einen älteren Herrn, der auf dem Fahrrad mit Sturzhelm und voller Sicherheitsmontur regelmäßig seine Kreise ziehe. „Er hat wohl Angst ins Becken zu fallen“, sagt Reiner Wadel und lacht. Von einem ehrenamtlich tätigen Rentner habe er auch gehört. Dieser würde die Graffitis an den Kübeln entfernen. „Ich glaube es stimmt. Das würde gut hierher passen.“ Das Schlösschen hat Reiner Wadel auch schon von innen gesehen. Verschiedene Theaterstücke und eine CD-Börse haben ihn dort hin gezogen. Das Orangerie-Restaurant hat er dagegen bisher noch nicht besucht: „Es soll gut sein aber auch sehr teuer.“

Die Jugend liebt die zweite Ebene

Jetzt zeigt Reiner Wadel auf die Gartenterrassen gegenüber dem Schlösschen. Auf der zweiten Ebene seien die meisten Jugendlichen anzutreffen. „Die hinterlassen am Wochenende manchmal ein bisschen Dreck.“ Doch die Parkverwaltung räume morgens wieder jeden Krümel weg. Oben angekommen,  sieht man wirklich viele Jugendliche auf der Wiese liegen. Manche hören halb dösend Musik. Andere unterhalten sich bei einem Bier mit ihren Kumpels.

Giulia, Kim und Paul genießen aber vor allem die Sonne. Die Fünfzehnjährigen erklären, warum sie auf dieser Ebene ihren Stammplatz haben: „Unten dürfen wir uns nicht auf den Rasen legen und dort oben, auf der dritten Ebene, scheint zu wenig Sonne“, zeigen sie hinter sich. Die drei Jugendlichen sind mit der Straßenbahn aus Eberstadt gekommen. Sie würden die Orangerie anderen Gärten in Darmstadt vorziehen, „da es hier nicht so viele Penner wie zum Beispiel im Herrengarten gibt.“ Am Wochenende sei fast ihr gesamter Bekanntenkreis in der Orangerie. Bei Musik und toller Stimmung, könne es im Sommer auch mal etwas später werden.

Neben der sonnigen Ebene ist noch ein Fußballplatz. Hier rennen fünf Jungs schreiend einem Fußball hinterher. Im Tor steht ein Mann, die Arme in die Hüften gestemmt, wie ein echter Fußballtrainer. „Ich bin der Papa von einem der Jungs“, sagt er. In den drei Ebenen der Orangerie suchen die Parkbesucher meistens Ruhe und Entspannung. Auf dem Fußballfeld herrschen dagegen Bewegung und Schweiß vor.

Vom Spielplatz zum Bauernmarkt

Vom Spielplatz geht es zum Bauernmarkt

Das Gleiche gilt für den Kinderspielplatz. Wie die gesamte Orangerie, ist auch der Spielplatz ummauert. Somit dringen weder Autogehupe, noch Kindergeschrei in den Orangeripark. Über die 25 tobenden Kinder sagt eine der Mütter: „Normalerweise ist hier noch mehr los.“ Begleitet werden die Kinder hauptsächlich von ihren Müttern. Nur zwei der Kleinen sind mit ihrem Vater gekommen. Ein Mädchen weint. Die Mutter pustet schon ihre Zehe. Bei der großen Kletterburg ist Anja Trojan anzutreffen. Sie hat heute Vormittag gearbeitet und danach ihre Lena vom Kindergarten abgeholt. „Wir machen hier gerne unseren Nachmittagsausflug,
weil man freitags alles so schön verbinden kann“.

Jeden Freitag ist Bauernmarkt in der Orangerie

Nachdem Lena genug klettern gewesen ist, begleitet sie ihre Mutter nämlich auf den Bauernmarkt am Nordende der Orangerie. „Ich bin froh, dass der Markt nachmittags ist“, sagt Anja Trojan. So hätten auch die Berufstätigen eine Chance auf die Waren der Bauernmarkthändler. Sie kaufe vor allem Obst und Gemüse. Aber auch der Bio-Bäcker habe es ihr angetan. Dieser zeigt auf sein Bio-Siegel am Wagen und erklärt: „Das Getreide wird nicht gespritzt und nicht genetisch verändert.“ Auf dem Bauernmarkt haben außerdem ein Imker, ein Wein-und Marmeladenverkäufer, sowie ein Metzger ihr Zelt aufgeschlagen oder ihren Wagen vorgefahren. Als Ergänzung zum Metzger bietet ein weiterer Stand Lammfleisch aus eigener Züchtung an.

Um 17.21 Uhr wird es auf einmal dunkel. Der strahlend blaue Himmel und die stechende Sonne werden durch Regenwolken verdeckt. Die Darmstädter vermuten ein plötzliches Sommergewitter. Viele laufen mit einem Heft oder einer Tasche auf dem Kopf Richtung Ausgang. Doch so schnell wie der Regen gekommen ist, verschwindet er auch wieder.

Text und Fotos: Janine Graf